CMMI Version 1.3 – Was hat sich in der praktischen Umsetzung geändert

Im November 2010 ist die Version 1.3 von CMMI in allen drei Konstellationen CMMI-DEV, CMMI-ACQ und CMMI-SVC erschienen. Auf den SEI-Webseiten sind diverse Informationen dazu verfügbar, insbesondere können dort diese Dokumente heruntergeladen werden.

Wer will, kann die neue Version des Modells auch wieder als Buch von Addison-Wesley kaufen, nämlich CMMI for Development, CMMI for Services bzw. CMMI for Acquisition.

Die folgende Aufstellung konzentriert sich auf die Auswirkungen dieser Änderungen auf die praktische Umsetzung von CMMI, insbesondere CMMI-DEV auf den Reifegraden 2 und 3.

Eine ähnliche Aufstellung der Änderungen von v1.1 nach v1.2 finden Sie hier.

Daneben gibt es in CMMI v1.3 noch eine Reihe weiterer Änderungen, die wichtig waren für ein besseres Verständnis der Modelle sowie eine einheitliche Darstellung, insbesondere:

Eine strukturelle Änderung, die sich aber auch auf die Inhalte auswirkt, ist die Streichung der optionalen Ergänzung IPPD (Integrated Product and Process Development) in CMMI-DEV. Statt dieser Ergänzung gibt es jetzt die neuen Praktiken

die IPPD ablösen, dafür aber jetzt für alle gelten und nicht mehr optional sind.

In der Vergangenheit wurde immer wieder die Diskussion über die Verträglichkeit von CMMI-DEV mit agilen Methoden wie Scrum oder Extreme Programming geführt. Auch wenn beispielsweise Boehm in seinem Buch Balancing Agility and Discipline: A Guide for the Perplexed gezeigt hat, dass beide Ansätze miteinander verträglich sind, halten immer noch viele die beiden Ansätze für widersprüchlich. Aus diesem Grund wurden in v1.3 von CMMI-DEV jetzt Erläuterungen bei einer Reihe von Praktiken aufgenommen, die beschreiben, wie diese Praktik in einem agilen Umfeld interpretiert und umgesetzt werden kann. So wird beispielsweise Pair Programming jetzt ausdrücklich als eine mögliche Umsetzung der Peer Reviews im Prozessgebiet Verification genannt.

Deutlich umfangreicher sind die Änderungen der Stufen 4 und 5. Hier hatte sich in den letzten Jahren viel an der Interpretation der relevanten Praktiken geändert, was noch nicht im Modell selbst eingearbeitet war. Offensichtlichste Änderungen sind das neue Prozessgebiet "Organizational Performance Management" auf Reifegrad 5, das das bisherige Prozessgebiet "Organizational Innovation and Deployment" ersetzt, sowie der Wegfall der generischen Ziele 4 und 5 samt der zugehörigen Praktiken und damit der Fähigkeitsgrade 4 und 5. Darüber hinaus wurden auch viele Inhalte der Prozessgebiete auf den Reifegraden 4 und 5 überarbeitet, was aber hier nicht weiter vertieft werden soll, da diese Themen (zumindest im deutschsprachigen Raum) bisher kaum angewendet werden.

Eine weitere wichtige Änderung bezieht sich nur auf CMMI-SVC: Da der Begriff des "Projektes" im Zusammenhang mit Dienstleistungen immer wieder zu Verwirrung geführt hat, wurde dieser Begriff dort, je nach Zusammenhang, mit "Arbeit" (work) bzw. "Arbeitsgruppe" (work group) ersetzt. Diese Änderung geht bis hin zu den Namen der Prozessgebiete, die in CMMI-SVC jetzt Planung der Arbeit (Work Planning), Verfolgung und Steuerung der Arbeit (Work Monitoring and Control) etc. heißen statt Projektplanung, Projektverfolgung und -steuerung etc. In CMMI-DEV und CMMI-ACQ wurden die bisherigen Begriffe beibehalte, mit Ausnahme der bisherigen Kategorie "Projektmanagement", die jetzt einheitlich in allen Konstellationen "Management der Projekte und der Arbeit" (Project and Work Management) heißt.

Wie schon beim Schritt von Verion 1.1 auf 1.2 gilt, dass sich zwar viele Details geändert haben, dass die Änderungen am Modell selbst aber kaum Auswirkungen auf die praktische Umsetzung haben, solange man die in der Praxis am weitesten verbreiteten Disziplinen Software- und Systementwicklung auf den Reifegraden 2 und 3 betrachtet. In den meisten Fällen werden nur die bisherigen Inhalte deutlicher formuliert, so dass man erneut von einer echten Verbesserung sprechen kann.

Deutlich größer sind erneut die Änderungen bei der Appraisalmethode SCAMPI A, bei der eine Reihe von Inhalten wesentlich überarbeitet wurden. Die meisten dieser Änderungen haben das Ziel, die Verlässlichkeit von Appraisalergebnissen weiter zu erhöhen und gleichzeitig den damit verbundenen Aufwand zu reduzieren. Ob dieses zweite Ziel tatsächlich erreicht wurde, ist im Moment noch schwer abzuschätzen.

Die einfacheren Methoden SCAMPI B und SCAMPI C wurden nicht geändert, hier gibt es keine neue Version der Methoden.

Reifegrad 2

Die Änderungen von Reifegrad 2 haben relativ geringe Auswirkungen auf die praktische Umsetzung. Folgende relevante Änderungen gab es:

Reifegrad 3

Auf Reifegrad 3 gab es folgende wesentlichen Änderungen:

Appraisals nach SCAMPI A

Wesentlich mehr echte Änderungen als beim Modell CMMI gab es bei der zugehörigen Appraisalmethode SCAMPI A. Die aus meiner Sicht wichtigsten Änderungen sind:

Brauche ich eine neue Schulung?

Da die Unterschiede zwischen der CMMI v1.2 und v1.3 relativ gering sind, benötigt man normalerweise keine neue oder Upgrade-Schulung, auch wenn diese natürlich angeboten wird. Wie schon beim Upgrade auf v1.2 handelt es sich um eine Online-Schulung, die man über das Internet absolvieren kann.

Ausnahmen, für die doch eine Upgrade-Schulung erforderlich ist, sind natürlich Personen, die eine der höheren CMMI-Qualifikationen haben, also Lead Appraiser und Instruktoren, oder die die Aufbauschulung "Intermediate Concepts" besuchen wollen, außerdem Teammitglieder bei einem SCAMPI-Appraisal für Reifegrad 4 oder 5, da bei diesen Reifegraden ja relativ viel geändert wurde.

Wer als Teammitglied bei einem SCAMPI auf Stufe 2 oder 3 teilnehmen will, benötigt diese Upgrade-Schulung nicht.

Wann soll ich umsteigen?

SCAMPI-Appraisals nach CMMI v1.2 sind noch bis zum 30. November 2011 (Abschluss des Appraisals) möglich, Appraisals nach SCAMPI v1.2 mit CMMI v1.3 sogar bis 31. März 2012.

Wie beschrieben sind die inhaltlichen Unterschiede zwischen CMMI v1.1 und v1.2 allerdings relativ gering. Solange also keine besonderen Gründe dagegen sprechen, sollte man daher zügig auf die aktuelle Version umstellen, um deren Verbesserungen nutzen zu können.

Wichtigster Grund, der gegen einen schnellen Umstieg sprechen kann, ist vor allem die laufende Vorbereitung auf ein in Kürze geplantes SCAMPI A Appraisal, die man nicht durch die Umstellung unterbrechen sollte; das gilt natürlich nur unter der Voraussetzung, dass man sicher ist, das Appraisal auch rechtzeitig zu Ende zu bringen.